Katastrophen in Guatemala

Guatemala gehört zu den am stärksten von Naturkatastrophen gefährdeten Ländern der Welt. Erdbeben, Vulkanausbrüche und Folgen des Klimawandels, wie Erdrutsche, Überschwemmungen und Dürren, treffen das Entwicklungsland besonders heftig. Die Handlungsmöglichkeiten der Bewohner, ob in der Prävention oder in der Nachsorge von Katastrophen, sind durch Armut, fehlende Bildung und mangelnde Infrastruktur stark eingeschränkt. 

Erdrutsch in El Cambray Dos Beispiel einer Katastrophe in Guatemala

1. Oktober 2015, kurz nach halb Zehn, Donnerstagabend. Es regnet in Strömen, es ist dunkel in El Cambray Dos, die meisten Menschen sind zu Hause. Der Berg, an dessen Fuß das Dorf liegt gibt nach. 15 Meter Erde, Schutt und Trümmer begraben die über 100 Häuser des Dorfes unter sich. 280 Menschen sterben, 70 Menschen werden noch immer vermisst. In den folgenden Tagen helfen bis zu 1800 Menschen bei der Suche nach Verschütteten. 

Bericht über den Erdrutsch in El Cambray / Santa Catarina Pinula (Video: Euronews)

El Cambray Dos liegt in einem Tal zwischen Hügeln in einem Vorort von Guatemala Stadt. Größtenteils lebten ärmere Familien dort, denn wer es sich in Guatemala leisten kann, zieht auf die Spitze des Berges, wo es sicherer ist. Die überlebenden Bewohner von El Cambray Dos gaben später an, sie seien nie ausdrücklich vor der Gefahr eines solchen Erdrutsches in ihrem Dorf gewarnt worden. Die nationale Katastrophenschutz-Organisation Conred sagte hingegen, dass das Tal schon im Jahr 2008 zur Risikozone erklärt und die Gemeindeverwaltung darüber informiert wurde. Diese habe jedoch nicht darauf reagiert und die Bewohner zu ihrem Schutz umgesiedelt. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen Fahrlässigkeit gegen die Behörden ein. Auch die Vereinten Nationen machten Korruption und Fahrlässigkeit für das Unglück mitverantwortlich. 

Übergangsweise sind die Bewohner des Dorfes bei Verwandten oder in einer der beiden Notunterkünfte der Stadt untergekommen. Was aus ihnen wird ist noch unklar. Nach El Cambray Dos zurückkehren darf niemand. Die Behörden haben das Viertel für unbewohnbar erklärt und eine Sperrzone eingerichtet. Auch wenn einige Häuser den Erdrutsch unbeschadet überstanden haben ist die Gefahr nicht vorbei. Im abgebrochenen Hang wurden weitere Risse entdeckt, erneute Erdrutsche sind nicht auszuschließen. Da nicht alle Leichen aus den Trümmern geborgen werden konnten besteht zudem Seuchengefahr.

Die guatemaltekische Regierung sagte zu, den Bau von neuen Häusern an anderer Stelle unterstützen zu wollen. Dies geht jedoch nur sehr langsam voran. Zuerst soll festgestellt werden, wer überhaupt ein Anrecht darauf hat, also tatsächlich ein Haus in El Cambray Dos besessen oder gemietet hat. Dazu fehlt es an geeigneten Orten diese Häuser zu bauen. Denn Baugrund, vor allen Dingen an einem Sicheren Ort, ist in Guatemala teuer. Ärmeren bleibt so kaum eine andere Wahl, als wieder in eine unsicheres, aber günstiges Viertel zu ziehen. Davon gibt es viele in Guatemala-Stadt, wie der nationale Katastrophenschutz Conred selbst einräumte. Weitere Katastrophen wie diese seien tragisch, aber nicht auszuschließen.

Naturgewalt, Armut, Strukturschwäche Warum Guatemala besonders betroffen ist

Naturkatastrophen sind in Mittelamerika keine Seltenheit: Folgen des Klimawandels, wie Erdrutsche, Überschwemmungen und Dürren, sowie Vulkanausbrüche und Erdbeben. 

Die Gründe für die häufigen Erdbeben und zahlreichen aktiven Vulkane in Guatemala und den Nachbarländern liegen im Pazifischen Ozean. Die zentralamerikanischen Staaten liegen auf dem westlichen Teil der Karibischen Erdplatte. Unweit der Pazifikküste der Staaten schiebt sich die Cocos-Platte unter die Karibische Platte. In dieser sogenannten Subduktionszone verhaken sich die Platten ineinander, bauen große Spannung auf und sind so verantwortlich für die zahlreichen Vulkane und Erdbeben in Guatemala, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica. Fast täglich kommt es zu (meist kleineren) Beben oder Vulkanausbrüchen, wie die folgende Karte zeigt.

Effekte des Klimawandels, Umweltzerstörung, steigende Lebensmittel- und Energiepreise, rasanter Bevölkerungsanstieg und schnelle, unkontrollierte Urbanisierung sorgen für eine höhere Anfälligkeit der Bevölkerung bei Naturkatastrophen. Die Zahl der Betroffenen hat sich laut den Vereinten Nationen im letzten Jahrzehnt etwa verdoppelt. Insbesondere Menschen in Entwicklungsländern leiden zunehmend unter Katastrophen, da ihre Handlungsmöglichkeiten, durch Armut, fehlende Bildung und mangelnde Infrastruktur sehr begrenzt sind. Am gefährdetsten, sind die Menschen, die selbst in Entwicklungsländern am unteren Rand der Gesellschaft stehen, beispielsweise Menschen mit Behinderung.

Vorbeugen ist besser als Heilen Nachhaltigkeit durch Katastrophenprävention

Statt Katastrophennachsorge und Wiederaufbau zielen neue Konzepte der humanitären Hilfe darauf ab, Leben und Lebensgrundlagen zu schützen indem die Gefährdung verringert und Risiko adäquat gemanagt wird. Menschen, die in Risikogebieten leben sollen so nachhaltig geschützt und eingebunden werden. Dazu kommt, das Katastrophenprävention wirtschaftlicher ist als Katastrophennachsorge. Verschiedene Studien zeigen, dass mittelfristig ein Dollar, der in die Prävention von Katastrophen investiert wurde, zwischen zwei und drei Dollar in der Nothilfe einspart. Präventionsarbeit setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen: humanitäre Entwicklungsarbeit, Anpassung an den Klimawandel und politische Maßnahmen. Das kurzfristige Ziel ist Leben und Existenzen zu schützen und Leid zu mindern, das langfristige den Bedarf an humanitärer Hilfe zu senken.

Allerdings gibt es keine Patentlösungen, die in allen Ländern und für alle Arten von Katastrophen gleich angewendet werden können. Grundsätzliche Fragen müssen jedes mal geklärt werden: Wie können Länder, Gesellschaften und Gemeinschaften selbst mit vorhersehbaren und wiederkehrenden Katastrophen fertig werden? Wie sind die Rollen verteilt auf Gesellschaft, Staat, Individuen und Hilfsorganisationen?

Am Beispiel der Erdrutsches in El Cambray Dos zeigt sich, dass die Antworten auf solche Fragen nicht leicht zu finden sind. Zwar geben die zuständigen Behörden an, die Gemeinde und damit auch die Bewohner rechtzeitig auf die Gefahr aufmerksam gemacht zu haben. Doch standen gleichzeitig keine Ressourcen zur Umsiedlung des Dorfes zur Verfügung. Dass die Zusammenarbeit von Staat und Hilfsorganisationen keine Selbstverständlichkeit ist, zeigte sich ebenfalls in der Nachsorge des Erdrutsches.

Vergrößern

IMG_6498
Die Gemeinde hat eine Notunterkunft in einer Schule in Santa Catarina Pinula eingerichtet. Sachhilfen wie Kleidung, Betten oder Lebensmittel kommen allerdings größtenteils von privaten Spendern. (Foto: Lea Auffarth)

Nur wenn die Regierung in Guatemala einen Vorfall zur Naturkatastrophe erkläre, könnten Hilfsorganisationen die Arbeit aufnehmen und für Betroffene vor Ort die Hilfe leisten, die vom Staat nicht erbracht würde. Die Regierung würde diesen Schritt allerdings nicht immer gehen, erklärt Hugo Rafael Recinos Carpio, Sozialdezernent der Gemeinde Santa Catarina Pinula und Verantwortlicher für die Notunterkünfte der Gemeinde nach dem Erdrutsch in El Cambray Dos. Im Falle dieses Unglücks habe die Zusammenarbeit der verschiednen Instanzen allerdings gut funktioniert. Privatpersonen, Gemeinde, Hilfsorganisationen und die Behörden hätten gemeinsam die nötige Hilfe für Betroffene geleistet, so Carpio. Als Vertreter der Gemeinde kann er kaum Kritik an den staatlichen Hilfsleistungen üben. Er betont jedoch häufig, wie viel Hilfe von Privatpersonen und privaten Unternehmen in diesem und anderen Katastrophenfällen geleistet wurde.

„Man muss die verschiedenen Arten von Hilfe getrennt betrachten. Ein großer Teil der Hilfe kam von der Bevölkerung selbst. Nicht nur von den Menschen aus der Hauptstadt und aus der Gemeinde Santa Catarina Pinula selbst, sondern aus dem ganzen Land kam Hilfe. Es ist überraschend, wie die Bevölkerung in Guatemala ihr Herz geöffnet hat. Aus dem ganzen Land kamen Spenden und Solidaritätsbekundungen. Die größte Hilfe von der Regierung ist, ein Stück Land bereitzustellen, auf dem neue Häuser gebaut werden können. Andere Spenden wie Kleidung oder auch technisches Gerät kamen allerdings eher von privaten Institutionen und insbesondere von guatemaltekischen Bürgen.“ (Hugo Rafael Recinos Carpio)

(Zum Anhören auf das erste Wort im Absatz klicken)

Email this to someoneShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterPrint this page