Behinderung und Katastrophen

Die Gefahr für Menschen mit Behinderung Opfer einer Naturkatastrophe zu werden ist besonders groß. Für Menschen mit geistiger Behinderung ist es oft nicht einfach, Gefahrensituationen zu erkennen und zu wissen, wie sie sich in solche Situationen richtig verhalten.  Menschen mit Sehbehinderung verstehen zwar, was um sie herum passiert, haben aber Probleme, sich zu orientieren um zu einem sicheren Ort zu finden. Menschen mit einer körperlichen Behinderung wissen zwar, wie sie sich verhalten müssen, jedoch fehlt ihnen die nötige Mobilität um sich an einen sicheren Ort zu bewegen. Gehörlose Menschen wissen was zu tun ist und können sich bewegen, aber können meist die Warnsignale oder Anweisungen nicht hören. 

Eine wirksame Katastrophenvorsorge ist für Einwohner eines so gefährdeten Landes wie Guatemala eine große Herausforderung. Damit auch Menschen mit Behinderung den Naturkatastrophen nicht schutzlos ausgeliefert sind, müssen Warnsignale, Fluchtpläne und Notausgänge angepasst und – besonders wichtig – das Verhalten im Ernstfall immer wieder geübt werden.  llll.

Ohne Inklusion keine Prävention Voraussetzungen für Katastrophenschutz

Zwar gibt es einige Projekte von Hilfsorganisationen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, die auf inklusive Katastrophenprävention spezialisiert sind. Doch oft werden damit nicht die Menschen erreicht, welche die Hilfe wirklich benötigen. Noch immer wird Behinderung in der guatemaltekischen Gesellschaft stigmatisiert und ausgeschlossen. Menschen mit Behinderung haben häufig schlichtweg keinen Zugang zu derartigen Hilfsangeboten, sei es weil sie für ihren Lebensunterhalt aufkommen müssen oder etwa von ihren Familien versteckt werden.  Die erste Herausforderung der inklusiven Katastrophenprävention ist also die Inklusion. Erst wenn ein Mensch mit Behinderung keine akuten gesundheitlichen Probleme hat, sein Lebensunterhalt gesichert ist und er sich innerhalb der Gesellschaft bewegen kann, können derartige Bildungsprojekte effektiv sein.

Um den ersten Schritt der Inklusion, die gesellschaftliche Sichtbarkeit und individuelle Akzeptanz von Behinderung kümmert sich die Nichtregierungsorganisation Acopedis. Mit einem Netzwerk von knapp zwanzig lokalen Organisationen rund um den Lago Atitlan versucht sie das Thema Behinderung auf die gesellschaftliche Agenda zu bringen. Durch Mittelsmänner, die selbst aus den Dörfern kommen und die indigenen Sprachen beherrschen, versucht Acopedis Vertrauen aufzubauen und Kontakte zu knüpfen. Das sei der erste Schritt, um Menschen mit Behinderung aus den Dörfern heraus und in Bildungsprogramme,  insbesondere solche zur Katastrophenprävention, hinein zu bringen. Das sei nicht immer einfach, berichtet Estuardo Ajcalón Can, der für Acopedis den Kontakt zu den Gemeinden knüpft. Am Anfang wurde seine Arbeit mit viel Misstrauen beäugt. Inzwischen sei er aber so weit, dass viele Gemeinden dazu bereit seien, die Risikopläne, die es zumindest theoretisch für jedes Dorf gibt, zu überarbeiten. So könnten auch die Menschen mit Behinderung konsequent einbezogen und innerhalb der Gemeinden auf Katastrophenfälle vorbereitet werden. 

Anpassen und üben, üben, üben Wie inklusive Katastrophenprävention funktioniert

Was in der präventiven Katastrophenhilfe wichtig ist, richtet sich immer nach dem Ort. Rund um den Lago Atitlan gibt es zum Beispiel häufig Erdbeben, manchmal auch Erdrutsche. Die Evakuierungspläne, die in Gemeinden und Schulen erarbeitet werden, genau wie die Frühwarnsysteme und Notfallübungen spezialisieren sich also darauf. So soll den besonders schutzbedürftigen Menschen eine bedarfsgerechte Unterstützung ermöglicht werden. Doch nicht nur die Menschen mit Behinderung selbst sollen lernen, wie sie sich in Katastrophensituationen am besten verhalten. Genauso sollen Lehrer, Verwandte und Freunde mit den Schulungen erreicht werden, damit sie im Notfall helfen können. 

In der Adisa-Schule in Santiago Atitlan ist Katastrophenprävention ein eigenes Schulfach. Allerdings steht es nicht richtig auf dem Stundenplan, sondern findet außerhalb des Unterrichts statt, weil das Bildungsministerium Katastrophenschutz nicht als Teil des Lehrplans anerkennen will.  Geübt wird mit Eltern, Lehrern und Schülern. Die Simulationen sind für die Kinder mehr Spiel als Ernst, da es nicht wirklich bebt. Schulleiter Pedro Sisay beschreibt, wie seine Schüler sich in Katastrophensituationen oft verhalten und wie sie sich verhalten sollten:

„Für mich ist die erste Reaktion zunächst Angst. Die unmittelbare Reaktion eines Kindes ist sich zu verstecken oder loszulaufen. Manchmal haben Kinder mit Behinderung ihre eigene Art und Weise auf ein Erdbeben zu reagieren. Es gibt Fälle, in denen sie nicht weglaufen, sondern stumm dasitzen und weinen, wenn sie sehen, wie zum Beispiel Glas um sie herum zerbricht.“ (Pedro Sisay)

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„Was Kinder im Katastrophenfall tun sollten, ist um sich zu schauen, um zu verstehen was geschieht. Dann sollten sie Zuflucht suchen an einem Ort, an dem sie sich sicher fühlen, zum Beispiel einen Ort, an dem nichts um sie herum ist. Sind an einem sicheren Ort im Haus, sollten sie dort bleiben und sich nicht bewegen bis sie Hilfe bekommen. Wenn der Ort nicht sicher ist, sollten sie um Hilfe bitten. Sollte jemand Probleme haben, sich zu bewegen, sollte er jemand anderen bitten ihn an einen sichern Ort zu bringen.“ (Pedro Sisay)

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„Ein sicherer Ort innerhalb eines Raumes ist zum Beispiel eine Säule in einem Haus. Auch unter einem Tisch ist es sicher, aber natürlich nur, wenn er nicht aus Glas ist, das wäre dann noch schlimmer. Außerdem sollte man, um an einem sicheren Ort zu sein, sich von Dingen fernhalten, die Strom leiten.“ (Pedro Sisay)

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Evakuierungskizzen helfen keinem Blinden Präventionsarbeit muss bedarfsgerecht sein

Was genau bei der Katastrophenprävention vermittelt wird und besonders wie es vermittelt wird, ist entscheidend für den Erfolg der Projekte. Nicht selten wird allerdings die Planung der Projekte für Menschen mit Behinderung gemacht, ohne sie selbst daran zu beteiligen. Jorge Tzunun, selbst sehbehindert, findet es absurd, dass die Betroffenen kaum zu Wort kommen. In seinem Dorf sollte es neue Evakuationspläne geben. „Die Hilfsorganisation will Anleitungen auf Braille schreiben – 80% der Blinden können aber nicht lesen“, so Tzunun. 

Auch in der Adisa-Schule wurde nach der ersten Übung festgestellt, dass der Evakuationsplan angepasst werden muss. Kinder mit geistiger Behinderung konnten den Plan nicht umsetzen, womit er überflüssig wurde. Im Schuljahr 2015 gab es insgesamt fünf Katastrophen-Übungen. Für Kinder mit einer körperlichen Behinderung reichten meistens etwa fünf Wiederholungen aus, bis sie das nötige Verhalten in Krisensituationen problemlos beherrschten, erklärt Schulleiter Pedro Sisay. Ganz anders sehe es hingegen bei Kindern mit geistigen Behinderungen, etwa starkem Autismus, aus. Für sie sei es sehr schwierig, da die Übungen für sie unverständlich und beängstigend seien. Sisay schätzt, dass etwa 25 Übungen notwendig seien, bis das Verhalten in Katastrophensituationen zur Alltagsroutine für Kinder mit Autismus werde. Doch im Lehrplan ist selbst für die fünf Übungen im Schuljahr kaum Platz.  

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