Behinderung in Guatemala

Mein Ziel ist es, dass die Menschen der indigenen Bevölkerung in Guatemala, die eine Behinderung haben, auf dem gleichen Niveau leben, wie der Rest der Welt. Jose Sosof

Das Leben von Menschen mit Behinderung in Guatemala ist schwer. Ihr Alltag ist geprägt von Intoleranz, Missachtung und finanziellen wie gesundheitlichen Problemen. Der Staat kümmert sich kaum um Menschen mit Behinderung und auch die Gesellschaft sieht sie nicht als Teil von sich an. Ein Kind mit Behinderung zu haben gilt in weiten Teilen des Landes als Schande. Aus Scham, Angst oder Unwissenheit verstecken viele Eltern ihre Kinder mit Behinderung zu Hause. Das macht nicht nur Inklusion unmöglich, sondern verschließt auch den Zugang zu medizinischer Hilfe und Bildungsangeboten. 

Behinderung ist vom Staat nicht vorgesehen Umgang der Regierung mit Behinderung

Als eines der ersten Länder überhaupt hat Guatemala im März 2008 die Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen unterschrieben. Davon ist jedoch im Alltag wenig zu merken. Es gibt nicht einmal genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen in Guatemala eine Behinderung haben, da der Staat sie nicht erhebt. In den Formularen von Ärzten gibt es zwar ein Feld dazu, es wird jedoch so gut wie nie ausgefüllt bzw. von den Behörden ausgewertet. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge haben 10-15 % der Weltbevölkerung eine Behinderung. Geht man von einem Mittelwert aus, müssten also etwa 2 Millionen Menschen in Guatemala eine Behinderung haben. Sucht man sie allerdings in Bildungseinrichtungen, bei kulturellen oder gesellschaftlichen Ereignissen, in Statistiken oder auf dem Arbeitsmarkt, sind sie kaum zu finden.

Etwa 80 % der Leistungen für Menschen mit Behinderung werden von zivilgesellschaftlichen Organisationen bereitgestellt. „Das Engagement des Staates ist keine Frage des Geldes, sondern eine des Willens“, erklärt Ariel Lopez. Er ist Beauftragter für Menschen mit Behinderung im Gemeindebüro von Panajachel am Lago Atitlan. „Die Gemeinde hat Glück einen Bürgermeister zu haben, der  Behinderung akzeptiert“. Ob es seinen Posten nach der nächsten Bürgermeisterwahl allerdings noch gibt, weiß Lopez nicht. Er versucht zusammen mit Nichtregierungsorganisationen Projekte in seiner Gemeinde umzusetzen, die Toleranz fördern und den Menschen mehr Möglichkeiten zu bieten. Sein nächstes Projekt ist die Weiterbildung von Polizisten, damit sie Menschen mit Behinderung auf der Straße behilflich sein können. 

Privat statt Staat Die Rolle von Hilfsorganisationen

Ohne diese Kooperation mit Hilfsorganisationen könnte Lopez nur sehr wenig verändern, da ihm vom Gemeindebüro aus kaum finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Zwar sind die insgesamt 17 Hilfsorganisationen rund um den Lago Atitlan auch nicht reich, aber dafür gut vernetzt. Die Netzwerkorganisation Acopedis koordiniert die gemeindeorientiert Behindertenarbeit um den See und im gesamten Departement. Das Konzept:

„RBC – das steht für Rehabilitación Basada en la Comunidad [auf der Gemeinschaft basierende Rehabilitation] – ist eine international anerkannte Strategie mit fünf Komponenten: Gesundheit, Bildung, Lebensunterhalt, Sozialleben und Mitbestimmung. Normalerweise steht Bildung an zweiter Stelle. Aber die Bedingungen in Guatemala sind ganz anderes. Nach 19 Jahren Arbeit im Thema Behinderung im Departement Solola habe ich festgestellt, dass anstelle von Bildung an zweiter Stelle der Lebensunterhalt steht. Das wichtigste in Guatemala ist sich zu ernähren und so seine Lebenssituation zu verbessern. Man muss bedenken, dass die meisten Menschen mit Behinderung nur Unterstützung von ihrer Familie bekommen. Erst wenn die gesundheitliche Situation eines Menschen mit Behinderung stabil ist, dann kann man anfangen daran zu arbeiten die ökonomische Situation zu verbessern. Es gibt einen hohen Anteil an Armut und extremer Armut. Erst wenn die ökonomische Basis gesichert ist, kann man sich hier um die Bildung kümmern.“ (José Antonio Pérez)

(Zum Anhören auf das erste Wort im Absatz klicken)

Verschiedene Wege zur Inklusion Ansätze von Hilfsorganisationen

Übergeordnetes Ziel ist die Inklusion von Menschen mit Behinderung in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die einzelnen Organisationen haben dabei verschiedene Schwerpunkte. 

In der Werkstatt des Vereins Adisa in Santiago Atitlan wird Kunsthandwerk hergestellt. Das soll Menschen mit Behinderung nicht nur ermöglichen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Durch die qualitativ hochwertigen Arbeiten können sie in der Gemeinde Respekt erlangen.

Die Schule Adisa ist eine staatlich anerkannte Schule für Menschen mit Behinderung. Darüber hinaus bietet die Schule (frühkindliche) Rehabilitation, Physiotherapie und verschieden Workshops an.

In seiner Organisation ASOJEF bietet Jorge Tzunung Unterricht in Brailleschrift, Finanzierung von Wohnhäusern für Menschen mit wenig Einkommen und Kunsttherapie an. Die Arbeit der Organisation finanziert er mit zwei kleinen Geschäften, die er mit seiner Familie betreibt.

Das Centro Maya bietet Sprach-, Mal- und Gesangtherapie, sowie Unterstützung in Gesundheitsfragen für Menschen mit Behinderung an. Außerdem betreibt es eine Schneiderwerkstatt und ein Café. 

Wer macht den ersten Schritt? Bottom-Up- vs. Top-Down-Ansätze in der Inklusion

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