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Katastrophen in Guatemala

Guatemala gehört zu den am stärksten von Naturkatastrophen gefährdeten Ländern der Welt. Erdbeben, Vulkanausbrüche und Folgen des Klimawandels, wie Erdrutsche, Überschwemmungen und Dürren, treffen das Entwicklungsland besonders heftig. Die Handlungsmöglichkeiten der Bewohner, ob in der Prävention oder in der Nachsorge von Katastrophen, sind durch Armut, fehlende Bildung und mangelnde Infrastruktur stark eingeschränkt. 

Erdrutsch in El Cambray Dos Beispiel einer Katastrophe in Guatemala

1. Oktober 2015, kurz nach halb Zehn, Donnerstagabend. Es regnet in Strömen, es ist dunkel in El Cambray Dos, die meisten Menschen sind zu Hause. Der Berg, an dessen Fuß das Dorf liegt gibt nach. 15 Meter Erde, Schutt und Trümmer begraben die über 100 Häuser des Dorfes unter sich. 280 Menschen sterben, 70 Menschen werden noch immer vermisst. In den folgenden Tagen helfen bis zu 1800 Menschen bei der Suche nach Verschütteten. 

Bericht über den Erdrutsch in El Cambray / Santa Catarina Pinula (Video: Euronews)

El Cambray Dos liegt in einem Tal zwischen Hügeln in einem Vorort von Guatemala Stadt. Größtenteils lebten ärmere Familien dort, denn wer es sich in Guatemala leisten kann, zieht auf die Spitze des Berges, wo es sicherer ist. Die überlebenden Bewohner von El Cambray Dos gaben später an, sie seien nie ausdrücklich vor der Gefahr eines solchen Erdrutsches in ihrem Dorf gewarnt worden. Die nationale Katastrophenschutz-Organisation Conred sagte hingegen, dass das Tal schon im Jahr 2008 zur Risikozone erklärt und die Gemeindeverwaltung darüber informiert wurde. Diese habe jedoch nicht darauf reagiert und die Bewohner zu ihrem Schutz umgesiedelt. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen Fahrlässigkeit gegen die Behörden ein. Auch die Vereinten Nationen machten Korruption und Fahrlässigkeit für das Unglück mitverantwortlich. 

Übergangsweise sind die Bewohner des Dorfes bei Verwandten oder in einer der beiden Notunterkünfte der Stadt untergekommen. Was aus ihnen wird ist noch unklar. Nach El Cambray Dos zurückkehren darf niemand. Die Behörden haben das Viertel für unbewohnbar erklärt und eine Sperrzone eingerichtet. Auch wenn einige Häuser den Erdrutsch unbeschadet überstanden haben ist die Gefahr nicht vorbei. Im abgebrochenen Hang wurden weitere Risse entdeckt, erneute Erdrutsche sind nicht auszuschließen. Da nicht alle Leichen aus den Trümmern geborgen werden konnten besteht zudem Seuchengefahr.

Die guatemaltekische Regierung sagte zu, den Bau von neuen Häusern an anderer Stelle unterstützen zu wollen. Dies geht jedoch nur sehr langsam voran. Zuerst soll festgestellt werden, wer überhaupt ein Anrecht darauf hat, also tatsächlich ein Haus in El Cambray Dos besessen oder gemietet hat. Dazu fehlt es an geeigneten Orten diese Häuser zu bauen. Denn Baugrund, vor allen Dingen an einem Sicheren Ort, ist in Guatemala teuer. Ärmeren bleibt so kaum eine andere Wahl, als wieder in eine unsicheres, aber günstiges Viertel zu ziehen. Davon gibt es viele in Guatemala-Stadt, wie der nationale Katastrophenschutz Conred selbst einräumte. Weitere Katastrophen wie diese seien tragisch, aber nicht auszuschließen.

Naturgewalt, Armut, Strukturschwäche Warum Guatemala besonders betroffen ist

Naturkatastrophen sind in Mittelamerika keine Seltenheit: Folgen des Klimawandels, wie Erdrutsche, Überschwemmungen und Dürren, sowie Vulkanausbrüche und Erdbeben. 

Die Gründe für die häufigen Erdbeben und zahlreichen aktiven Vulkane in Guatemala und den Nachbarländern liegen im Pazifischen Ozean. Die zentralamerikanischen Staaten liegen auf dem westlichen Teil der Karibischen Erdplatte. Unweit der Pazifikküste der Staaten schiebt sich die Cocos-Platte unter die Karibische Platte. In dieser sogenannten Subduktionszone verhaken sich die Platten ineinander, bauen große Spannung auf und sind so verantwortlich für die zahlreichen Vulkane und Erdbeben in Guatemala, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica. Fast täglich kommt es zu (meist kleineren) Beben oder Vulkanausbrüchen, wie die folgende Karte zeigt.

Effekte des Klimawandels, Umweltzerstörung, steigende Lebensmittel- und Energiepreise, rasanter Bevölkerungsanstieg und schnelle, unkontrollierte Urbanisierung sorgen für eine höhere Anfälligkeit der Bevölkerung bei Naturkatastrophen. Die Zahl der Betroffenen hat sich laut den Vereinten Nationen im letzten Jahrzehnt etwa verdoppelt. Insbesondere Menschen in Entwicklungsländern leiden zunehmend unter Katastrophen, da ihre Handlungsmöglichkeiten, durch Armut, fehlende Bildung und mangelnde Infrastruktur sehr begrenzt sind. Am gefährdetsten, sind die Menschen, die selbst in Entwicklungsländern am unteren Rand der Gesellschaft stehen, beispielsweise Menschen mit Behinderung.

Vorbeugen ist besser als Heilen Nachhaltigkeit durch Katastrophenprävention

Statt Katastrophennachsorge und Wiederaufbau zielen neue Konzepte der humanitären Hilfe darauf ab, Leben und Lebensgrundlagen zu schützen indem die Gefährdung verringert und Risiko adäquat gemanagt wird. Menschen, die in Risikogebieten leben sollen so nachhaltig geschützt und eingebunden werden. Dazu kommt, das Katastrophenprävention wirtschaftlicher ist als Katastrophennachsorge. Verschiedene Studien zeigen, dass mittelfristig ein Dollar, der in die Prävention von Katastrophen investiert wurde, zwischen zwei und drei Dollar in der Nothilfe einspart. Präventionsarbeit setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen: humanitäre Entwicklungsarbeit, Anpassung an den Klimawandel und politische Maßnahmen. Das kurzfristige Ziel ist Leben und Existenzen zu schützen und Leid zu mindern, das langfristige den Bedarf an humanitärer Hilfe zu senken.

Allerdings gibt es keine Patentlösungen, die in allen Ländern und für alle Arten von Katastrophen gleich angewendet werden können. Grundsätzliche Fragen müssen jedes mal geklärt werden: Wie können Länder, Gesellschaften und Gemeinschaften selbst mit vorhersehbaren und wiederkehrenden Katastrophen fertig werden? Wie sind die Rollen verteilt auf Gesellschaft, Staat, Individuen und Hilfsorganisationen?

Am Beispiel der Erdrutsches in El Cambray Dos zeigt sich, dass die Antworten auf solche Fragen nicht leicht zu finden sind. Zwar geben die zuständigen Behörden an, die Gemeinde und damit auch die Bewohner rechtzeitig auf die Gefahr aufmerksam gemacht zu haben. Doch standen gleichzeitig keine Ressourcen zur Umsiedlung des Dorfes zur Verfügung. Dass die Zusammenarbeit von Staat und Hilfsorganisationen keine Selbstverständlichkeit ist, zeigte sich ebenfalls in der Nachsorge des Erdrutsches.

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Die Gemeinde hat eine Notunterkunft in einer Schule in Santa Catarina Pinula eingerichtet. Sachhilfen wie Kleidung, Betten oder Lebensmittel kommen allerdings größtenteils von privaten Spendern. (Foto: Lea Auffarth)

Nur wenn die Regierung in Guatemala einen Vorfall zur Naturkatastrophe erkläre, könnten Hilfsorganisationen die Arbeit aufnehmen und für Betroffene vor Ort die Hilfe leisten, die vom Staat nicht erbracht würde. Die Regierung würde diesen Schritt allerdings nicht immer gehen, erklärt Hugo Rafael Recinos Carpio, Sozialdezernent der Gemeinde Santa Catarina Pinula und Verantwortlicher für die Notunterkünfte der Gemeinde nach dem Erdrutsch in El Cambray Dos. Im Falle dieses Unglücks habe die Zusammenarbeit der verschiednen Instanzen allerdings gut funktioniert. Privatpersonen, Gemeinde, Hilfsorganisationen und die Behörden hätten gemeinsam die nötige Hilfe für Betroffene geleistet, so Carpio. Als Vertreter der Gemeinde kann er kaum Kritik an den staatlichen Hilfsleistungen üben. Er betont jedoch häufig, wie viel Hilfe von Privatpersonen und privaten Unternehmen in diesem und anderen Katastrophenfällen geleistet wurde.

„Man muss die verschiedenen Arten von Hilfe getrennt betrachten. Ein großer Teil der Hilfe kam von der Bevölkerung selbst. Nicht nur von den Menschen aus der Hauptstadt und aus der Gemeinde Santa Catarina Pinula selbst, sondern aus dem ganzen Land kam Hilfe. Es ist überraschend, wie die Bevölkerung in Guatemala ihr Herz geöffnet hat. Aus dem ganzen Land kamen Spenden und Solidaritätsbekundungen. Die größte Hilfe von der Regierung ist, ein Stück Land bereitzustellen, auf dem neue Häuser gebaut werden können. Andere Spenden wie Kleidung oder auch technisches Gerät kamen allerdings eher von privaten Institutionen und insbesondere von guatemaltekischen Bürgen.“ (Hugo Rafael Recinos Carpio)

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Behinderung in Guatemala

Mein Ziel ist es, dass die Menschen der indigenen Bevölkerung in Guatemala, die eine Behinderung haben, auf dem gleichen Niveau leben, wie der Rest der Welt. Jose Sosof

Das Leben von Menschen mit Behinderung in Guatemala ist schwer. Ihr Alltag ist geprägt von Intoleranz, Missachtung und finanziellen wie gesundheitlichen Problemen. Der Staat kümmert sich kaum um Menschen mit Behinderung und auch die Gesellschaft sieht sie nicht als Teil von sich an. Ein Kind mit Behinderung zu haben gilt in weiten Teilen des Landes als Schande. Aus Scham, Angst oder Unwissenheit verstecken viele Eltern ihre Kinder mit Behinderung zu Hause. Das macht nicht nur Inklusion unmöglich, sondern verschließt auch den Zugang zu medizinischer Hilfe und Bildungsangeboten. 

Behinderung ist vom Staat nicht vorgesehen Umgang der Regierung mit Behinderung

Als eines der ersten Länder überhaupt hat Guatemala im März 2008 die Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen unterschrieben. Davon ist jedoch im Alltag wenig zu merken. Es gibt nicht einmal genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen in Guatemala eine Behinderung haben, da der Staat sie nicht erhebt. In den Formularen von Ärzten gibt es zwar ein Feld dazu, es wird jedoch so gut wie nie ausgefüllt bzw. von den Behörden ausgewertet. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge haben 10-15 % der Weltbevölkerung eine Behinderung. Geht man von einem Mittelwert aus, müssten also etwa 2 Millionen Menschen in Guatemala eine Behinderung haben. Sucht man sie allerdings in Bildungseinrichtungen, bei kulturellen oder gesellschaftlichen Ereignissen, in Statistiken oder auf dem Arbeitsmarkt, sind sie kaum zu finden.

Etwa 80 % der Leistungen für Menschen mit Behinderung werden von zivilgesellschaftlichen Organisationen bereitgestellt. „Das Engagement des Staates ist keine Frage des Geldes, sondern eine des Willens“, erklärt Ariel Lopez. Er ist Beauftragter für Menschen mit Behinderung im Gemeindebüro von Panajachel am Lago Atitlan. „Die Gemeinde hat Glück einen Bürgermeister zu haben, der  Behinderung akzeptiert“. Ob es seinen Posten nach der nächsten Bürgermeisterwahl allerdings noch gibt, weiß Lopez nicht. Er versucht zusammen mit Nichtregierungsorganisationen Projekte in seiner Gemeinde umzusetzen, die Toleranz fördern und den Menschen mehr Möglichkeiten zu bieten. Sein nächstes Projekt ist die Weiterbildung von Polizisten, damit sie Menschen mit Behinderung auf der Straße behilflich sein können. 

Privat statt Staat Die Rolle von Hilfsorganisationen

Ohne diese Kooperation mit Hilfsorganisationen könnte Lopez nur sehr wenig verändern, da ihm vom Gemeindebüro aus kaum finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Zwar sind die insgesamt 17 Hilfsorganisationen rund um den Lago Atitlan auch nicht reich, aber dafür gut vernetzt. Die Netzwerkorganisation Acopedis koordiniert die gemeindeorientiert Behindertenarbeit um den See und im gesamten Departement. Das Konzept:

„RBC – das steht für Rehabilitación Basada en la Comunidad [auf der Gemeinschaft basierende Rehabilitation] – ist eine international anerkannte Strategie mit fünf Komponenten: Gesundheit, Bildung, Lebensunterhalt, Sozialleben und Mitbestimmung. Normalerweise steht Bildung an zweiter Stelle. Aber die Bedingungen in Guatemala sind ganz anderes. Nach 19 Jahren Arbeit im Thema Behinderung im Departement Solola habe ich festgestellt, dass anstelle von Bildung an zweiter Stelle der Lebensunterhalt steht. Das wichtigste in Guatemala ist sich zu ernähren und so seine Lebenssituation zu verbessern. Man muss bedenken, dass die meisten Menschen mit Behinderung nur Unterstützung von ihrer Familie bekommen. Erst wenn die gesundheitliche Situation eines Menschen mit Behinderung stabil ist, dann kann man anfangen daran zu arbeiten die ökonomische Situation zu verbessern. Es gibt einen hohen Anteil an Armut und extremer Armut. Erst wenn die ökonomische Basis gesichert ist, kann man sich hier um die Bildung kümmern.“ (José Antonio Pérez)

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Verschiedene Wege zur Inklusion Ansätze von Hilfsorganisationen

Übergeordnetes Ziel ist die Inklusion von Menschen mit Behinderung in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die einzelnen Organisationen haben dabei verschiedene Schwerpunkte. 

In der Werkstatt des Vereins Adisa in Santiago Atitlan wird Kunsthandwerk hergestellt. Das soll Menschen mit Behinderung nicht nur ermöglichen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Durch die qualitativ hochwertigen Arbeiten können sie in der Gemeinde Respekt erlangen.

Die Schule Adisa ist eine staatlich anerkannte Schule für Menschen mit Behinderung. Darüber hinaus bietet die Schule (frühkindliche) Rehabilitation, Physiotherapie und verschieden Workshops an.

In seiner Organisation ASOJEF bietet Jorge Tzunung Unterricht in Brailleschrift, Finanzierung von Wohnhäusern für Menschen mit wenig Einkommen und Kunsttherapie an. Die Arbeit der Organisation finanziert er mit zwei kleinen Geschäften, die er mit seiner Familie betreibt.

Das Centro Maya bietet Sprach-, Mal- und Gesangtherapie, sowie Unterstützung in Gesundheitsfragen für Menschen mit Behinderung an. Außerdem betreibt es eine Schneiderwerkstatt und ein Café. 

Wer macht den ersten Schritt? Bottom-Up- vs. Top-Down-Ansätze in der Inklusion

Behinderung und Katastrophen

Die Gefahr für Menschen mit Behinderung Opfer einer Naturkatastrophe zu werden ist besonders groß. Für Menschen mit geistiger Behinderung ist es oft nicht einfach, Gefahrensituationen zu erkennen und zu wissen, wie sie sich in solche Situationen richtig verhalten.  Menschen mit Sehbehinderung verstehen zwar, was um sie herum passiert, haben aber Probleme, sich zu orientieren um zu einem sicheren Ort zu finden. Menschen mit einer körperlichen Behinderung wissen zwar, wie sie sich verhalten müssen, jedoch fehlt ihnen die nötige Mobilität um sich an einen sicheren Ort zu bewegen. Gehörlose Menschen wissen was zu tun ist und können sich bewegen, aber können meist die Warnsignale oder Anweisungen nicht hören. 

Eine wirksame Katastrophenvorsorge ist für Einwohner eines so gefährdeten Landes wie Guatemala eine große Herausforderung. Damit auch Menschen mit Behinderung den Naturkatastrophen nicht schutzlos ausgeliefert sind, müssen Warnsignale, Fluchtpläne und Notausgänge angepasst und – besonders wichtig – das Verhalten im Ernstfall immer wieder geübt werden.  llll.

Ohne Inklusion keine Prävention Voraussetzungen für Katastrophenschutz

Zwar gibt es einige Projekte von Hilfsorganisationen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, die auf inklusive Katastrophenprävention spezialisiert sind. Doch oft werden damit nicht die Menschen erreicht, welche die Hilfe wirklich benötigen. Noch immer wird Behinderung in der guatemaltekischen Gesellschaft stigmatisiert und ausgeschlossen. Menschen mit Behinderung haben häufig schlichtweg keinen Zugang zu derartigen Hilfsangeboten, sei es weil sie für ihren Lebensunterhalt aufkommen müssen oder etwa von ihren Familien versteckt werden.  Die erste Herausforderung der inklusiven Katastrophenprävention ist also die Inklusion. Erst wenn ein Mensch mit Behinderung keine akuten gesundheitlichen Probleme hat, sein Lebensunterhalt gesichert ist und er sich innerhalb der Gesellschaft bewegen kann, können derartige Bildungsprojekte effektiv sein.

Um den ersten Schritt der Inklusion, die gesellschaftliche Sichtbarkeit und individuelle Akzeptanz von Behinderung kümmert sich die Nichtregierungsorganisation Acopedis. Mit einem Netzwerk von knapp zwanzig lokalen Organisationen rund um den Lago Atitlan versucht sie das Thema Behinderung auf die gesellschaftliche Agenda zu bringen. Durch Mittelsmänner, die selbst aus den Dörfern kommen und die indigenen Sprachen beherrschen, versucht Acopedis Vertrauen aufzubauen und Kontakte zu knüpfen. Das sei der erste Schritt, um Menschen mit Behinderung aus den Dörfern heraus und in Bildungsprogramme,  insbesondere solche zur Katastrophenprävention, hinein zu bringen. Das sei nicht immer einfach, berichtet Estuardo Ajcalón Can, der für Acopedis den Kontakt zu den Gemeinden knüpft. Am Anfang wurde seine Arbeit mit viel Misstrauen beäugt. Inzwischen sei er aber so weit, dass viele Gemeinden dazu bereit seien, die Risikopläne, die es zumindest theoretisch für jedes Dorf gibt, zu überarbeiten. So könnten auch die Menschen mit Behinderung konsequent einbezogen und innerhalb der Gemeinden auf Katastrophenfälle vorbereitet werden. 

Anpassen und üben, üben, üben Wie inklusive Katastrophenprävention funktioniert

Was in der präventiven Katastrophenhilfe wichtig ist, richtet sich immer nach dem Ort. Rund um den Lago Atitlan gibt es zum Beispiel häufig Erdbeben, manchmal auch Erdrutsche. Die Evakuierungspläne, die in Gemeinden und Schulen erarbeitet werden, genau wie die Frühwarnsysteme und Notfallübungen spezialisieren sich also darauf. So soll den besonders schutzbedürftigen Menschen eine bedarfsgerechte Unterstützung ermöglicht werden. Doch nicht nur die Menschen mit Behinderung selbst sollen lernen, wie sie sich in Katastrophensituationen am besten verhalten. Genauso sollen Lehrer, Verwandte und Freunde mit den Schulungen erreicht werden, damit sie im Notfall helfen können. 

In der Adisa-Schule in Santiago Atitlan ist Katastrophenprävention ein eigenes Schulfach. Allerdings steht es nicht richtig auf dem Stundenplan, sondern findet außerhalb des Unterrichts statt, weil das Bildungsministerium Katastrophenschutz nicht als Teil des Lehrplans anerkennen will.  Geübt wird mit Eltern, Lehrern und Schülern. Die Simulationen sind für die Kinder mehr Spiel als Ernst, da es nicht wirklich bebt. Schulleiter Pedro Sisay beschreibt, wie seine Schüler sich in Katastrophensituationen oft verhalten und wie sie sich verhalten sollten:

„Für mich ist die erste Reaktion zunächst Angst. Die unmittelbare Reaktion eines Kindes ist sich zu verstecken oder loszulaufen. Manchmal haben Kinder mit Behinderung ihre eigene Art und Weise auf ein Erdbeben zu reagieren. Es gibt Fälle, in denen sie nicht weglaufen, sondern stumm dasitzen und weinen, wenn sie sehen, wie zum Beispiel Glas um sie herum zerbricht.“ (Pedro Sisay)

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„Was Kinder im Katastrophenfall tun sollten, ist um sich zu schauen, um zu verstehen was geschieht. Dann sollten sie Zuflucht suchen an einem Ort, an dem sie sich sicher fühlen, zum Beispiel einen Ort, an dem nichts um sie herum ist. Sind an einem sicheren Ort im Haus, sollten sie dort bleiben und sich nicht bewegen bis sie Hilfe bekommen. Wenn der Ort nicht sicher ist, sollten sie um Hilfe bitten. Sollte jemand Probleme haben, sich zu bewegen, sollte er jemand anderen bitten ihn an einen sichern Ort zu bringen.“ (Pedro Sisay)

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„Ein sicherer Ort innerhalb eines Raumes ist zum Beispiel eine Säule in einem Haus. Auch unter einem Tisch ist es sicher, aber natürlich nur, wenn er nicht aus Glas ist, das wäre dann noch schlimmer. Außerdem sollte man, um an einem sicheren Ort zu sein, sich von Dingen fernhalten, die Strom leiten.“ (Pedro Sisay)

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Evakuierungskizzen helfen keinem Blinden Präventionsarbeit muss bedarfsgerecht sein

Was genau bei der Katastrophenprävention vermittelt wird und besonders wie es vermittelt wird, ist entscheidend für den Erfolg der Projekte. Nicht selten wird allerdings die Planung der Projekte für Menschen mit Behinderung gemacht, ohne sie selbst daran zu beteiligen. Jorge Tzunun, selbst sehbehindert, findet es absurd, dass die Betroffenen kaum zu Wort kommen. In seinem Dorf sollte es neue Evakuationspläne geben. „Die Hilfsorganisation will Anleitungen auf Braille schreiben – 80% der Blinden können aber nicht lesen“, so Tzunun. 

Auch in der Adisa-Schule wurde nach der ersten Übung festgestellt, dass der Evakuationsplan angepasst werden muss. Kinder mit geistiger Behinderung konnten den Plan nicht umsetzen, womit er überflüssig wurde. Im Schuljahr 2015 gab es insgesamt fünf Katastrophen-Übungen. Für Kinder mit einer körperlichen Behinderung reichten meistens etwa fünf Wiederholungen aus, bis sie das nötige Verhalten in Krisensituationen problemlos beherrschten, erklärt Schulleiter Pedro Sisay. Ganz anders sehe es hingegen bei Kindern mit geistigen Behinderungen, etwa starkem Autismus, aus. Für sie sei es sehr schwierig, da die Übungen für sie unverständlich und beängstigend seien. Sisay schätzt, dass etwa 25 Übungen notwendig seien, bis das Verhalten in Katastrophensituationen zur Alltagsroutine für Kinder mit Autismus werde. Doch im Lehrplan ist selbst für die fünf Übungen im Schuljahr kaum Platz.  

„Nichts für uns ohne uns!“

Bei einem Erdbeben will ich als erstes meine Kinder retten und nicht von jemandem, der es gut meint, aus dem Haus getragen werden. Jorge Tzunun

Hilfe ist schön und gut, da sind sich Menschen mit Behinderung und Hilfsorganisationen einig. Doch entscheidend ist, wie die Hilfe konkret aussieht. Die meisten Menschen mit Behinderung sind sich einig: Keine Hilfe kann effektiv sein, kein Entwicklungsprogramm sie wirklich stärken, wenn Menschen ohne Behinderung entscheiden, was für Menschen mit Behinderung gut und was schlecht ist. Institutionalisierte Hilfe – sei es von staatlichen oder nicht-regierungs Organisationen – geht oft aus Unkenntnis an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vorbei. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Nichts für uns ohne uns!

„Kennenlernen und Integration ist für eine effektive Hilfe, auch bei Katastrophen, sehr wichtig. Wenn Menschen mit Behinderung ein Teil der Gesellschaft werden sollen, muss man sie schon selbst fragen, was das genau für sie bedeutet“, erklärt Jorge Tzunun. Er engagiert sich nicht nur in seinem Dorf für Menschen mit Behinderung, sondern auch auf politischer Ebene. Er fordert, dass Menschen mit Behinderung gehört, berücksichtigt und in alle Entscheidungsprozesse  mindestens ebenbürtig eingebunden werden. Dass dies nur selten der Fall ist muss er selbst immer wieder feststellen. Er nahm an einer Unicef-Konferenz mit dem Titel „Nada por nosotros sin nosotros“ („Nichts für uns ohne uns“) teil – als einziger Mensch mit Behinderung. 

Seht mich, nicht meine Behinderung Inklusion durch Kennenlernen

Nicht nur in Institutionen ist es für Menschen mit Behinderung schwierig sich Gehör zu verschaffen. Behinderung wird kaum im öffentlichen Leben thematisiert, da es kaum Berührungspunkte mit dem Teil der Gesellschaft gibt, der keine Behinderung hat. Menschen mit Behinderung werden zu Hause versteckt, gehen in gesonderte Schulen, arbeiten in speziellen Werkstätten oder betteln. „Dabei ist Austausch der einzige Weg um ein Zusammenleben zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zu ermöglichen. Nur wenn wir uns in den jeweils anderen hineinversetzen kann  Inklusion erst funktionieren“, erklärt Jose Sosof.

Mit verschiedenen Projekten versucht er anderen seine Welt zu zeigen. Als nächstes möchte er ein Video drehen über die Welt aus der Perspektive eines Menschen, der im Rollstuhl sitzt. So könnten seine Mitmenschen sehen, warum es für ihn ein Problem ist, wenn sich jemand auf einem Konzert genau vor ihn stellt. Doch der Weg dahin ist schwierig: Woher bekommt er das Geld für eine Kamera? Wer sieht sich seinen Film danach an? Einige Hilfsorganisationen haben ähnliche Ideen: Tag der offenen Tür, Radiospots, ein Geschäft für Produkte aus der eigenen Werkstatt mitten im Dorf. Der Wunsch sich mitzuteilen, sich auszutauschen, sich kennenzulernen ist groß. 

. Jose Sosof, 34 Jahre, Mitglied des Gemeindeentwicklungsrates
Sonia Marivel, 23 Jahre, Schneiderin .
. Manuel Yojcom 20 Jahre, Unterstützt die Arbeit der Hilfsorganisation Centro Maya
Francisca Sicay Mendoza, 26, Kunsthandwerkerin .